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Technikfolgenabschätzung und Bürgerrechte

Kritik zum Safer Internet Day 2008 am 12.2.2008

Österreich begeht mit dem 12.2.2008 einen Europa-Datenschutztag unter dem Motto “Safer Internet and Handy
Day” als nächster Feiertag der Informationsgesellschaft, der eigentlich als Trauertag begangen werden müsste meint dazu die ARGE Daten.

ARGE Daten: “Feiertag kaschiert nur notdürftig Versagen bei neuen Medien -
Politik hat vor dem Phänomen Internet mehrfach kapituliert – Spam in den
letzten sieben Jahren um 65.000% angestiegen – 700 Millionen Computer
jährlich weltweit angegriffen – mehrere zehntausend österreichische Websites
in Online-Überwachungsnetzen eingebunden”

Hier dazu die Argumente wie folgt laut Presseerklärung:

In praktisch allen Bereichen der Internet-Nutzung haben offizielles
Österreich und EU-Gremien völlig versagt.

KAPITULATION Spam

Völlig aufgegeben wurde der Kampf gegen Spam. Ganz im Gegenteil, große
Bereiche der WKO sehen auch für Österreichische Unternehmen interessante
Geschäftsfelder im Spammarkt (pardon: Newsletter-Markt), sogar ein eigener
Förderpreis wurde 2007 dafür geschaffen. In den letzten Jahren ist das
Spam-Aufkommen von 85% auf 98% aller Mails gestiegen. Politiker trösten sich
mit einer “nur” 13%igen Steigerung und zeigen damit bloß, dass sie seit der
Grundschule notorisch den Mathematikunterricht verweigert haben.

Statt der aussagelosen Anteilskalkulation sollte das Verhältnis zwischen
erwünschten und unerwünschten Mails betrachtet werden. Nach einer EU-Studie
lag dieses 2001 noch bei 13 zu 1, auf 13 erwünschte Mails kam ein
unerwünschtes. Schon 2003 wurde Gleichstand erzielt, auf ein erwünschtes Mail
kam ein Spam-Mail. 2004 waren es dann 1 zu 3, also je erwünschtem Mail drei
unerwünschte, ein Plus vom 200%.

2005 wurden mit 1 zu 6, wieder ein Plus von 200% (im Jahresabstand!) und 2006
mit 1 zu 20 (+300%) und 2007 mit 1 zu 50 (+250%) neue Rekordwerte geschaffen.
Nur mehr jedes fünfzigste Mail ist heute erwünscht, das besagen die aktuell
98% Spamanteil.

Wenn eine Steigerung von 65.000% bei einem verbotenen Dienst innerhalb von
nur sieben Jahren keine Kapitulation ist, was dann?

KAPITULATION Internet-Abzocke

Mehrere hundert Seiten werden allein im deutschsprachigen Raum als
Lebenshilfe, Hausaufgaben, Diätenplaner oder ähnliches betrieben.
Unvoreingenommene, meist jugendliche Nutzer erhalten nach Aufruf dieser
Seiten geschmalzene Abo-Rechnungen und Gebührenvorschreibungen. Kosten, die
sie bei zeitgerechter Aufklärung für die eher mikrigen Dienste niemals
akzeptieren würden. Wer nicht zahlt erhält aggressive Anwaltsschreiben, wird
von Inkassobüros bedroht oder wird auf schwarze Listen gesetzt.

Die meisten dieser Unternehmen operieren formal aus der Schweiz. Als
Nicht-EU-Land werden gezielt Rechtsdefizite ausgenutzt. Österreich versucht
mittels Beschwichtigung und mühsamen Zivilprozesse winzigste Verbesserungen
zu erreichen.

Diese für Verbraucher unerträgliche Situation wurde 2001 mit der fehlerhaften
Verabschiedung des E-Commerce-Gesetzes bewusst in Kauf genommen. Statt einer
effizienten Kontrollstelle für das Online-Business wurden die
Beschwerderechte auf die ahnungslosen Bezirkshauptmannschaften abgeschoben.
Noch 2004 wussten die meisten BH-Beamten überhaupt nichts von ihrer
Zuständigkeit.

KAPITULATION Betriebssicherheit

Konstant hoch bleibt die Zahl der Schwachstellen der IT-Systeme.
Internationale Statistiken zeigen zwischen 6.000 und 8.000
Computerschwachstellen pro Jahr. Jeweils neu wohlgemerkt, gelistet werden
bloß die bekannten. Die Zahl der über diese Schwachstellen angegriffenen
Computer liegt bei 1 bis mehreren Millionen, im Schnitt bei etwa 100.000.
Etwa 700.000.000 Computer werden jährlich über diese Schwachstellen
angegriffen.

Innerhalb der EU gibt es weiterhin keine Bemühungen sichere
Systemalternativen zu entwicklen. Als Nebeneffekt wäre man zusätzlich
unabhängiger von den US-IT-Angeboten. Stattdessen verplempert die EU ihre
Energien in sinnlosen Prozessen gegen Microsoft.

KAPITULATION Bot-Netze

Experten schätzen, dass mittlerweile mehrere 10.000-Bot-Netze mit einigen
Millionen Rechnern als Plattformen für illegale Aktivitäten genutzt werden.
Es handelt sich um sogenannte Zombie-Rechner. Computer von Konsumenten werden
durch Schadprogramme so umkonfiguriert, dass sie ferngesteuert werden können.
Von diesen Plattformen aus werden DOS-, Spam- oder andere Cyber-Attacken
durchgeführt.

Auch in Österreich dürften tausende Computer unfreiwillige Gehilfen im
Cyberwar. An dieser Bot-Netz-”Kultur” versucht mittlerweile auch das
Innenministerium, immerhin am
Safer Internet Day beteiligt, mitzunachen. Wenn – so die platte Platterlogik
- Internetkriminelle mit Angriffen auf Millionen Internetuser immer wieder
ein paar Dumme phischen können, dann muss es doch möglich sein durch einen
Trojanerangriff auf Millionen unbedarfter Staatsbürger ein paar
Kleinkriminelle fangen zu können.

KAPITULATION Social Networks und Web2.0

Communities, Treffen mit Freunden im Netz, persönliche Meinungsäußerung,
medizinische Online-Selbsthilfegruppen und Darstellung seiner individuellen
Fähigkeiten werden immer beliebter. Die Ausbeutung dieser Informationen durch
Dritte, etwa Online-Marketingfirmen oder potentielle Arbeitgeber wird zu einer
immer größeren Gefahr.

Bisher reagierte die Politik außergewöhnlich hilflos auf diese neue
Entwicklung, außer den Appellen, seine Identität im Internet zu verleugnen,
keine Fotos ins Netz zu stellen und sich politisch nicht zu äußern, kamen
keine Vorschläge. Tatsächlich müssten jedoch die Privatsphärebestimmungen
umfassend geändert werden. Neben dem ausdrücklichen Verbot veröffentlichte
Daten für andere Zwecke zu nutzen, als sie ursprünglich vorgesehen wurden,
müssten die Bestimmungen zur Gleichbehandlung erweitert werden. Personen, die
wegen öffentlicher Interneteinträge keine Anstellung bekommen, sollten die
gleichen Rechte erhalten, wie Personen die aus anderen Gründen diskriminiert
wurden.

KAPITULATION Übertragungssicherheit

Weiterhin erfolgt der Großteil der persönlichen Web- und Mailkommunikation
unverschlüsselt. Sowohl Logins, Bestellungen und privater
Informationsaustausch wird ohne sichere Server abgewickelt, obwohl
entsprechende SSL- und TLS-Technologien seit rund zehn Jahren Standard und
sehr preiswert sind.

Der Gesetzgeber weigert sich weiterhin beharrlich für den Austausch
personenbezogener Daten die Verschlüsselung flächendeckend vorzuschreiben.

KAPITULATION Phishing und Identitätsdiebstahl

Der Identitätsdiebstahl hat in den letzten Monaten keineswegs nachgelassen,
er wurde nur effizienter. Statt Millionen Konsumenten auf einmal
anzuschreiben, sind es kleine Gruppen. Die technischen und organisatorischen
Maßnahmen gegen Phishing sind bekannt, werden aber von den Onlineanbietern -
aus Kostengründen – nicht gesetzt, zum Schaden der Opfer.

KAPITULATION User Traking

Nur einfältige Beamte und naive Benutzer glauben, dass nur dann, wenn sie auf
Webseiten MSN-Search, Yahoo! oder Google etwas suchen, die drei Großen
Online-Brüder die Anfragen abspeichern, bewerten und Interessen ausspähen.

Egal ob man motorline, medizinfuchs, zuckerberatung, pfizer, allianz,
bauernbund, autokindersitze, medikamenten-versand24, parkinson-wissen,
sportlive aufruft, bevor noch die Seite vollständig geladen ist, wissen
Google und Co schon, dass man Autonarr, parkinson- oder potenzgefährdet ist
(oder eine beliebige Kombination davon). Immer mehr Webseiten enthalten
Java-Programme, die automatisiert und ohne dass der Benutzer es beeinflussen
kann an die Großen Online-Brüder seine Interessen weiterleiten. Je mehr
verschiedene Webseiten jemand benutzt, umso schneller können durch das dichte
Überwachungsnetzwerk seine Interessen ausgespäht werden.

Charmant wäre doch der Deal zwischen den Online-Brüdern und
Privatversicherer. Via medizinfuchs, zuckerberatung, pfizer,
medikamenten-versand, parkinson und Co sind jede Menge gesundheitsbezogener
Daten vorhanden. Und das Schöne wäre, formalrechtlich wäre der Deal völlig in
Ordnung. Die österreichischen Datenschutzbestimmungen sind auf die modernen
Traking-Methoden nicht vorbereitet. Die meisten verantwortlichen Politiker
dürften die Technik noch nicht einmal durchschaut haben.

Feiern sollte man nach getanen Hausaufgaben

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und stellt nur einen kleinen Auszug
aus dem Versäumnisregister der Politik dar. In diesem Sinne sollte zuerst
gearbeitet werden und dann gefeiert werden. Nicht ohne Grund hat Gott in der
Schöpfung den Feiertag als letzen Tag angelegt, ansonsten bleibt der
“Feiertag” ein Trauertag für die Bürger.

mehr Online
–> Safer Internet Day 2008
–> offizieller Videoclip zum Saferinternet Day 2008
–> ARGE Date

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Kritik zum Safer Internet Day 2008 am 12.2.20081.0101

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